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aus- und fortbildung

Projekt NS-Raubgut in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek
Suche – Dokumentation – Rückgabe
Zwischenbericht
Vergleichbar anderen deutschen Bibliotheken profitierte auch die Vormals Königliche
und Provinzialbibliothek in Hannover von der Verfolgung, mit denen die Nationalsozialisten
ab 1933 ihre Gegner aus politischen, weltanschaulichen, religiösen und rassistischen Gründen
überzogen.
Seit November 2008 widmet sich ein Projekt an der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek
der Frage, in welchem Umfang dies der Fall ist.
Bei Recherchen, die bisher für die Jahre 1933 bis 1940 in den Zugangsbüchern der
Bibliothek vorgenommen wurden, erwiesen sich zahlreiche Quellen, aus denen die Bibliothek
Bücher erhielt – anders als erwartet und im Unterschied zu anderen Bibliotheken –
als unkritisch. Weder finden sich unter den Buchzugängen von Ämtern und Amtspersonen
– von Landräten, Magistraten, Bürger- und Oberbürgermeistern –,
kritische Titel, noch konnte unter den vom Polizei-Präsidium oder der NSDAP übernommenen
Büchern Kritisches bemerkt werden.
Allerdings ist unter den Büchern, die die Vormals Königliche und Provinzialbibliothek
in Hannover zwischen 1933 und 1940 erhielt, eine Gruppe zu identifizieren, deren Geschichte
klar auf eine Verfolgung durch die Nationalsozialisten verweist.
Es handelt sich hierbei um Bücher, die von der Preußischen Staatsbibliothek in
Berlin übersandt wurden.
Die Preußische Staatsbibliothek war seit 1934 zentrale Sammel- und Verteilerstelle
für so genannte „schädliche” Literatur. Unter „schädlicher”
Literatur wurde all jene Literatur zusammengefasst, die der Ideologie des Nationalsozialismus
widersprach oder widerstrebte und ab 1935 in sogenannten „Listen des schädlichen
und unerwünschten Schrifttums” zusammengetragen wurde. Die Preußische
Staatsbibliothek war befugt, diese Literatur, die andernorts beschlagnahmt wurde, an
deutsche, später auch an österreichische Universitäts- und Landesbibliotheken
weiter zu verteilen. Dies geschah mit der Maßgabe, dass die Bücher separat aufzubewahren
und nur an wenige, ausgewählte Leser auszuleihen seien.
Zwischen 1934 und 1940 erhielt die Vormals Königliche und Provinzialbibliothek in
Hannover nachweislich 118 solche Bücher. 22 dieser Bücher konnten bisher gefunden
und autopsiert, d.h. auf ihr äußeres Erscheinungsbild hin untersucht werden.
Das Gros der bisher gefundenen Bücher wurde in Hannover gesondert gekennzeichnet.
Die Bücher erhielten auf ihren Einbänden oder auf den Titelblättern mit kräftigem
Rotstift den Hinweis „Secr.”. Die Abkürzung steht für „zu sekretieren”,
d.h. separat aufzustellen und besonders zu behandeln. In anderen Fällen verzichtete man
auf den „Secr.”-Vermerk. Dafür wurde der Autorenname kräftig rot angehakt.
(Dieselben roten Buntstiftmarkierungen finden sich übrigens in den Zugangsbüchern
und auf den Karteikarten des alten Bibliothekskataloges der Vormals Königliche und
Provinzialbibliothek in Hannover.)
Unter den Büchern, die als von der Staatsbibliothek überwiesene, „schädliche”
Literatur gefunden wurden, befinden sich u.a. die folgenden Titel: Artur Landsberger:
Das Ghettobuch, Berlin: Benjamin Harz Verlag 1921; Anna Blos: Frauen der deutschen Revolution 1848,
Dresden: Kaden & Comp. 1928; Ludwig Renn: Krieg, Frankfurt: Societäts-Verlag 1932;
Elisabeth Rotten: Aufgaben künftiger Völkerbund-Erziehung, Berlin: Ernst Rowohlt Verlag 1920,
Bertha von Suttner: Inventarium einer Seele, Dresden: Pierson 1904.
Während die Geschichte der genannten Bücher sich ab dem Zeitpunkt ihrer Zusendung
durch die Staatsbibliothek klar rekonstruierten lässt, weisen die Bücher leider
keine Hinweise auf, wem sie vor der Beschlagnahmung gehört haben könnten.
Man wird annehmen dürfen, dass es sich im Wesentlichen um Bücher aus Buchhandlungen
und Verlagen handelte, deren Bestände nach Machtübernahme der Nationalsozialisten
„leergeräumt” wurden. Dafür spricht, dass die Staatsbibliothek zahlreiche
Bibliotheken mit ihren Büchersendungen „schädlicher Literatur” bedachte.
Neben Hannover erhielten beispielsweise auch die Universitätsbibliotheken in Leipzig und
Bremen derartige Sendungen mit „schädlicher” Literatur. Vielleicht kann bei
der Klärung der Herkunft der Bücher perspektivisch eine Autopsie jener Exemplare
weiterhelfen, die in Bremen, Leipzig oder andernorts eintrafen. Schließlich ist nicht
auszuschließen, dass einzelne der „verteilten” Literatur doch Kennzeichnungen
durch die früheren Eigentümer enthielten. In dem Fall wäre es möglich,
auch die Geschichte der Bücher vor ihrer Beschlagnahmung zu rekonstruieren und ggf.
einzelne der Bücher zurückzugeben.
Neben den Büchern, die die Vormals Königliche und Provinzialbibliothek in Hannover
aus Berlin erhielt, findet sich eine weitere Gruppe von Büchern, deren Geschichte auf
eine Verfolgung hindeutet. Vorerst muss man davon ausgehen, dass sie im Ergebnis der Verfolgung
der jüdischen Bevölkerung in die Bibliothek gelangten. Als Beispiel sei hier das
Buch „Bruderworte aus fünfzig Jahren” angeführt. Es trägt Stempel
des „NSDAP-Gau Südhannover-Braunschweig – Gauschulungsamt” sowie die
handschriftliche Notiz „Am 26.4.41 vom Reichspropagandaamt fürs Schulungsamt erhalten”.
Der Vorsatz des Buches trägt die sehr persönliche Widmung: „Chanukka 1933 als
Glückwunsch und Gruß!”. Die Geschichte dieses und vergleichbarer Bücher
zu klären, wird Aufgabe der nächsten Monate sein.

| Abb. 1: Landsberger, Artur: Ghettobuch. Die schönsten Geschichten aus dem Ghetto.
15.–20. Tsd. Berlin: Harz 1921. (GWLB H 633/3) |
Abb. 2: Bruderworte aus fünfzig Jahren 1883–1933. Zum 50jährigen Bestehen
des Ordens Bne Briss in Deutschland. Frankfurt, M.: J. Kauffmann 1933. (GWLB 47/242) |
Presseinformation vom 3. November 2008
Kontakt
Dr. Regine Dehnel
Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek
– Projekt NS-Raubgut in der GWLB –
E-Mail: regine.dehnel@gwlb.de
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